Manchmal beginnt ein großes Schulprojekt mit einem Museumsbesuch. Für die Klasse FOT2 der Berufsbildenden Schulen Rotenburg (Wümme) war es eine Führung durch das ehemalige Fluglabor von Heinrich Focke in Bremen – jenem Pionier, der maßgeblich an der Entwicklung des ersten funktionsfähigen Hubschraubers beteiligt war. Im Jahr 1960 baute Focke dort im Alter von 70 Jahren in Eigenregie einen Windkanal aus Holz. Der historische Aufbau war zum Zeitpunkt des Besuchs leider nicht mehr betriebsbereit, und das Fluglabor stand kurz vor der Schließung.
Statt nur zuzusehen, beschloss die Klasse zu handeln: Als Abschlussprojekt ihrer Fachoberschule Technik konstruierten die Schüler*innen einen eigenen, funktionsfähigen Windkanal in Göttinger Bauart – mit einem klaren Ziel: Strömungsverhalten unterschiedlicher Testkörper sichtbar und messbar zu machen.
Vom CAD-Modell zur fertigen Messstation
Über mehrere Wochen hinweg durchlief das Team einen vollständigen Entwicklungsprozess: von der ersten 3D-Modellierung in Autodesk über die Materialauswahl bis zur fertigen Konstruktion. Der Kanalkörper entstand aus MDF-Platten, die mit der CNC-Maschine passgenau zugeschnitten und mit 3D-gedruckten PLA-Bauteilen ergänzt wurden – etwa für die Düse und den Auffangtrichter zwischen Lüfter und Messstrecke. Mit Maßen von 2.700 × 650 × 382 mm und einem Kanalquerschnitt von 300 × 350 mm ist der Aufbau kein kleines Schultischmodell, sondern eine ernstzunehmende Versuchsanlage.
Das Herzstück bildet die selbst entwickelte Messstation: Ein Arduino-Mikrocontroller verarbeitet die Daten eines Windgeschwindigkeitssensors sowie mehrerer Wägezellen, die Luftwiderstand und Abtrieb der Testobjekte erfassen. Ein Display zeigt die Messwerte direkt am Windkanal an – ganz ohne zusätzliche Auswertungssoftware. Die komplette Verdrahtung und Programmierung in C++ haben die Schüler*innen eigenständig umgesetzt und dokumentiert.
Erste Testergebnisse
Mit dem fertigen Windkanal hat das Team bereits erste Modellfahrzeuge unter die Lupe genommen und Luftwiderstand sowie Abtrieb bei einer Windgeschwindigkeit von 14,5 m/s gemessen:
| Testobjekt | Luftwiderstand | Abtrieb |
|---|---|---|
| Trabant | 0,18 N | −0,26 N |
| BMW X5 | 0,17 N | −0,11 N |
| BMW Z8 | 0,08 N | −0,16 N |
Die Ergebnisse zeigen anschaulich, wie unterschiedlich Fahrzeugformen mit dem Luftstrom interagieren – ein Lerneffekt, der weit über reine Theorie hinausgeht.
Mehr als nur ein Bauprojekt
Auf dem Weg zum fertigen Windkanal sammelte die Klasse Erfahrungen, die über Technik hinausgehen: Teamkommunikation, Aufgabenverteilung und der Umgang mit Rückschlägen waren ebenso Teil des Lernprozesses wie Konstruktion, Elektrotechnik und Programmierung. Im Abschlussbericht reflektiert das Team selbstkritisch, wo noch Verbesserungspotenzial besteht – etwa bei der Luftdichtigkeit des Kanals oder einer aufgeräumteren Verkabelung mittels Verteilerplatinen.
Besonders erfreulich: Der Windkanal bleibt dauerhaft an der Schule und steht künftigen Klassen sowohl für den Unterricht als auch für weiterführende Projekte zur Verfügung – ein nachhaltiger Mehrwert, der über das einzelne Schuljahr hinausreicht.
Die RÜTGERS Stiftung hat das Projekt im Rahmen ihrer MINT-Förderung unterstützt und gratuliert der Klasse FOT2 zu diesem gelungenen Forschungsprojekt!




